Irland: It could be worse..

Es ist schon interessant: Bereits am zweiten Tag auf der „grünen Insel im Atlantik“ fällt uns wieder das „sonnige“ Gemüt der irischen Bevölkerung positiv auf. Die Menschen hier sind einfach gastfreundlich, optimistisch, offen und liebenswert. In persönlichen Gesprächen hören wir immer wieder die Aussage: „..it could be worse.“ (Es könnte schlimmer sein.)

Man hält sich hier in Irland also gar nicht erst lange mit „jammern“ und negativen Gedanken auf. Vielmehr stellt man hier einfach immer wieder fest, dass alles auch noch viel schlimmer sein könnte – und schon macht das Leben auch gleich viel mehr Spaß. Diese Lebensfreude der Iren überträgt sich wieder einmal rasend schnell auf uns – und wir können diese schönen Tage hier in vollen Zügen genießen.

Der keltische Tiger?

Dabei gäbe es gerade in Irland wohl genügend Anlass für eine weitaus negativere Lebenseinstellung. In jüngster Vergangenheit wurde ja vor allem Irland von der sogenannten „Finanzkrise“ besonders hart betroffen. In den Jahren des „Keltischen Tigers“ (1995 bis 2007) konnte die Staatverschuldung Irlands zwar auf bis zu 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gesenkt werden. In den folgenden Jahren (2007 bis 2013) wurden jedoch vor allem die Immobilienwirtschaft sowie die Abhängigkeit von ausländischen Direktinvestitionen zur Belastung. Durch die fallenden Immobilienpreise sind heute die meisten irischen Haushalte völlig überschuldet.

In dieser Zeit rutschte Irland in eine Rezession. Man kämpfte mit hoher Arbeitslosigkeit und deflationären wirtschaftlichen Zuständen. Die globalisierten Ratingagenturen stuften daraufhin Irland immer weiter herab. Ende 2010 kamen dann sogar Gerüchte über eine drohende Zahlungsunfähigkeit Irlands auf. Die weitere „Versklavung“ der irischen Bevölkerung mit Mitteln der Europäischen Union (Stichwort: ESM) und des Internationalen Währungsfonds (IWF) ist ja bereits bekannt.

Die Hungersnot…

Krisen sind in der Geschichte Irlands jedoch keine Seltenheit. So wurden die Iren bereits zwischen 1845 und 1850 von einer furchtbaren Hungersnot schwer gebeutelt. Die Einwohnerzahl Irlands war in den Jahren zuvor auf acht Millionen Menschen richtiggehend explodiert. Das waren beinahe doppelt so viele Menschen wie heute. Infolge der Hungersnot starben in Irland eine Million Menschen. Schätzungsweise weiteren zwei Millionen Menschen gelang damals noch rechtzeitig die Auswanderung.

Damals bestellten die irischen Bauern meist minderwertiges und vor allem steiniges Land. Selbst dieses unfruchtbare Land mussten sie von den damaligen englischen Eigentümern teuer pachten. Bereits ab dem 16. Jahrhundert wurden deshalb auf der Insel hauptsächlich Kartoffeln angebaut. Dies funktionierte auf dem sonst „unwirtschaftlichen“ Boden recht gut. Darüber hinaus sind Kartoffeln sehr nahrhaft und somit auch das Hauptnahrungsmittel der irischen Bevölkerung in dieser Zeit. Man kann also mit Recht behaupten, dass damals knapp drei Millionen Menschen von der erfolgreichen Kartoffel-Ernte abhängig waren. Zur Katastrophe kam es im Jahre 1845. Die Ernte blieb aus. Grund dafür war ein Pilz: Die Kartoffelfäule.

Diese Pilzerkrankung bewirkt, dass die Knollen im Boden verfaulen. Die Sporen werden hauptsächlich vom Wind verbreitet. Es werden zwar nicht alle Kartoffelsorten von der Kartoffelfäule befallen, doch wurden zu jener Zeit in Irland leider eben nur zwei Sorten angebaut. Der große Nachteil: Beide in Irland eingesetzten Sorten waren für die Pilzerkrankung äußerst anfällig.

So litten immer mehr Menschen Hunger. Sehr schnell konnten sie auch ihre Pacht nicht mehr bezahlen und wurden schließlich von ihren englischen Landbesitzern vom Land gejagt. Daraufhin verschlimmerte sich die Lage noch zusätzlich: Viele Menschen zogen heimatlos umher auf der Suche nach Nahrung. Die Verzweiflung der Bevölkerung war groß. Die Kriminalität stieg rasant an – nie waren die Gefängnisse in Irland so voll wie zu jener Zeit.

Politische Verbrechen…

Im Jahre 1847 kam es dann auch noch zu einem sogenannten „Jahrhundertwinter“. Es soll eiskalt gewesen sein und es schneite ununterbrochen. Selbstverständlich wurden deshalb viele Menschen krank und erfroren auf offener Straße. Es verbreiteten sich Krankheiten wie Cholera und Typhus. Es starben in dieser Zeit angeblich so viele Menschen auf einen Schlag, dass sie lediglich noch in Massengräbern beigesetzt werden konnten.

Makaber aber leider wahr: Die englischen Großgrundbesitzer führten munter weiterhin das verbleibende Fleisch und Getreide nach England aus. Eigentlich hätte man die Hungersnot also recht schnell und effektiv in den Griff bekommen können. Das Verhalten der damaligen englischen Regierung war jedoch katastrophal! Es wurden zwar Arbeitsprogramme ins Leben gerufen, doch die meisten Menschen waren ja bereits viel zu schwach für harte körperliche Arbeit. Deshalb wurden im Frühjahr 1847 die Arbeitsbeschaffungsprogramme wegen der hohen Kosten auch wieder beendet.

Es mussten rasch Suppenküchen eingerichtet werden, die zum Teil durch Kreditvergabe der englischen Regierung und zum Teil durch Spenden aus aller Welt finanziert wurden. Im August 1847 wurden bereits drei Millionen Menschen durch diese notdürftigen Suppenküchen „ernährt“. Die „politischen Verbrechen“ gegen das irische Volk gingen jedoch weiter: So wurde bereits im September 1847 die Hungersnot politisch für beendet erklärt. Das Elend der Bevölkerung hielt jedoch an und in der Folge fielen auch die Kartoffelernten der Jahre 1848 und 1849 aus. Das offizielle Ende der Hungersnot wird mit dem Jahr 1849 angegeben. Aber noch im Jahre 1851 sollen in manchen Gegenden von Irland die Leichen von Hungertoten am Straßenrand gelegen sein.

Die Piraten-Königin von Connaught

Westport House Nun aber zurück zu unserer Rundreise durch Irland. Nach dem Frühstück in unserem Hotel in Castlebar machen wir uns heute auf den Weg, um die einzigartige „Achill Island“ zu besuchen. Zuerst wollen wir uns jedoch noch das wunderschöne Westport-House im County Mayo an der Westküste ansehen. Dieses Anwesen war der Stammsitz der „Marquesses of Sligo“. Die Familie Browne hat dieses Gebäude auf den Grundmauern einer ehemaligen Burg (O´Malley Dungeons) im 18. Jahrhundert erbaut. Heute gilt das Westport-House als eines der schönsten historischen Häuser in Irland, welches für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Die heutigen Besitzer (Familie Browne) sind übrigens direkte Nachfahren der berühmten Piraten-Königin (Gráinne Ní Mháille) von Connaught. Sie war wohl das Oberhaupt des O´Malley-Clans und beherrschte der Legende nach die Gewässer rund um Mayo. Sehenswert ist hier vor allem die herrliche Parkanlage mit eigenem See. Aber auch eine Führung durch das historische Gebäude sollte man wohl keinesfalls verpassen.

Achill Island und Desserted Village

Desserted Village Anschließend begeben wir uns in Richtung „Achill Island“. Dabei handelt es sich übrigens um die größte Insel Irlands. Auf den Weg dorthin erleben wir noch wirklich großartige Klippenlandschaften und sagenhafte Ausblicke auf den Atlantik. Auf „Achill Island“ machen wir dann auch direkte Bekanntschaft mit der Geschichte Irlands rund um die Hungersnot.

Wir besuchen dort angekommen nämlich das Ruinendorf „Desserted Village“. Dieses Dorf wurde im 19. Jahrhundert infolge der großen Hungersnot vollständig verlassen. Zuerst sind wir von der Größe dieses ehemaligen „Dorfes“ durchaus beeindruckt.

Die noch erhaltenen Mauern der doch rund 100 Steinhäuser geben uns einen sehr guten Einblick in die damaligen Lebensbedingungen der irischen Landesbevölkerung. Beinahe wie in einer Zeitreise, wahrscheinlich auch wegen des passenden Wetters, fühlen wir uns direkt in jene Zeit zurückversetzt. Diesen Ort sollte man unbedingt besucht haben. Ein bleibendes Erlebnis!

Schön langsam begeben wir uns allerdings schon wieder zurück auf den Weg in unser Hotel in Castlebar. Dort werden wir heute Abend mit Sicherheit gemeinsam noch die Eindrücke des heutigen Tages bei einem Gläschen „Smithwick“ auf uns wirken lassen. Wir haben heute sehr viel über die schrecklichen Krisen in der irischen Geschichte gehört. Mit Sicherheit wird es jedoch nicht lange dauern und wir hören im Pub jemanden sagen: „..it could be worse..“

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